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Spielerdämmerung
Vertigo/Universal

Skinny Finsta ist der deutsche King of Memphis. Niemand verkörpert den düsteren Sound aus Raps vergessenem Mekka so konsequent und glaubwürdig wie der Heidelberger mit geistiger Wahlheimat in Tennessee. Auf seinem neuen Mixtape kehrt er nun zurück zu seinen Wurzeln – musikalisch, inhaltlich und emotional. Die Spielerdämmerung ist angebrochen.

Skinny Finsta ist eine Legende. Zumindest ist er das nach allen Kriterien, die in seiner Welt eine Rolle spielen. Es geht um Leidenschaft, Mane, um Loyalität, Originalität und echte Treue zum Spiel. Das ganz grelle Scheinwerferlicht ist Skinny Finsta stets suspekt gewesen, zumal wenn es erschummelt und erschwindelt ist, wie so oft in diesem von Schein und Scheinen getriebenen Geschäft. Er macht die Dinge lieber auf seine eigene Weise – ganz so, wie er es in Memphis gelernt hat. Wenn er den Rapsound dieser Stadt repräsentiert, ist das nie bloße Reproduktion. Vielmehr nimmt er die Referenzen zwischen Straße und Psychedelik und entwickelt daraus etwas ganz und gar Einzigartiges. So hat er Umgangssprache geformt (“Ausruf!”), sich den Respekt der Allergrößten erarbeitet und klangheimlich auch das Klangbild der Deutschrap-Playlisten mitgeprägt. Rekorde sollen andere brechen. Skinny Finsta bricht lieber die Herzen echter Rap-Fans und liefert den Granden ihre Einflüsse.

Memphis-Rap ist eine so eigene wie faszinierende Welt. Es tummeln sich darin halbseidene Produzenten, mit ihren Dämonen kämpfende Hustler und musikalische Genies wie DJ Squeeky oder Tommy Wright III. Sie haben nie die Aufmerksamkeit bekommen wie die großen Stars aus New York, L.A, oder Atlanta. Und doch lassen sich alle von ihrem Style inspirieren, von Drake und Travi$ Scott über Solange und Blood Orange bis hin zu, nun ja, Skinny Finsta. Kaum jemand hat die Stadt und ihren Sound – die ratternden Hi-Hats, die Bassdrums aus der 808, die bittersüßen Synth-Melodien, die Samples aus Funkplatten und Horrorfilmen – so minutiös studiert wie er. In seiner Sammlung befinden sich Kassetten aus den neunziger Jahren, die zum Teil nicht mal ihre Schöpfer selbst besitzen. Vor allem aber hat er das Wesen dieses Orts durchdrungen. Das Düstere, das leise Melancholische, das Echte, den Soul.

Man hörte das schon 2015 auf seiner ersten Veröffentlichung, dem selbst verlegten “Solo Tape”, sowie auf frühen Features mit Haiyti oder AlphaMob. Man hörte es auch in den vergangenen zwei Jahren, in denen sich Skinny Finsta nach und nach eine treue Gefolgschaft unter Kennern des Spiels aufbaute, unter anderem mit dem sehr persönlichen Album “Spieler der Liebe” und dem “Trap Tape” mit DJ Reckless, für das er mit diversen Legenden des Berliner Untergrund-Rap zusammenarbeitete. Vor allem aber hört man es auf seinem neuen Release “Spielerdämmerung”. Folgt man Skinny Finstas eigener Kategorisierung, handelt es sich dabei um ein Mixtape: Reinmachen, durchlaufen lassen, alles fließt und klingt, ohne jede kreative Beschränkung oder allzu großen konzeptuellen Überbau. Tatsächlich finden sich auf “Spielerdämmerung” Beats von langjährigen Weggefährten ebenso wie von waschechten Memphis-Ikonen, die ganz unterschiedliche Facetten des Genres abdecken. Auch andere Stimmen sind zu hören: Beginnen tut das Mixtape etwa mit einem Part des bekennenden Südstaaten- (und Skinny-)Fans Casper. Das mag ein ungewöhnlicher Ansatz sein. In Skinny Finstas Welt aber ist es nur konsequent. In Memphis ist eben nur das Ungewöhnliche normal. Und vor der 808 sind ohnehin alle gleich.

Dass “Spielerdämmerung” in dieser Form erscheint, ist selbst schon ein kleines Wunder. Als überzeugter Untergrund-Spieler mit musikalischer Nischen-Neigung hat Skinny Finsta kreativen Ausdruck immer über finanzielle Interessen gestellt. Er machte, weil er musste, nicht weil er sollte. Dass sich dieser Ansatz nur bedingt mit den rauen Realitäten des Spätkapitalismus verträgt, ist wenig überraschend. 2018 stand Skinny Finsta im wahrsten Sinne des Wortes vor dem Nichts – oder, wie er selbst sagt, eher schon mittendrin. Er war bereit, die Sache hinzuwerfen. Just in diesem Moment bot ihm der Groß-Spieler Universal einen Vertrag an. Der Deal eröffnete neue Horizonte. Die unverhofften Möglichkeiten nutzte Skinny Finsta jedoch nicht, um sich am Rattenrennen um den größten Benz zu beteiligen. Stattdessen polierte er seinen Opel Astra, schob ein Memphis-Tape ins Deck und besann sich auf den wahren Treibstoff seines Schaffens: die Erfüllung musikalischer Träume. Das “Trap Tape”-Projekt war die erste solche Erfüllung. Mit der Musik von Frauenarzt oder MC Bogy ist er aufgewachsen, nun macht er gemeinsam mit ihnen Musik. “Spielerdämmerung” ist in dieser Hinsicht der logische nächste Schritt. Skinny Finsta hat sich aufgemacht nach Memphis.

Auf der Platte finden sich gleich mehrere Mitbringsel, die Kennern das Wasser in die Augen treiben und Novizen in den mächtigen Sog der Mississippi-Magie ziehen werden. Auf dem Song “Triggerman” – benannt nach dem Ur-Beat des Südstaaten-Rap – ist eine Rap-Strophe von DJ Spanish Fly zu hören, jenem Mann also, der mit seinen Clubsets und Mixtapes die HipHop-Kultur in Memphis quasi im Alleingang begründete. Dazu rappt auf dem Song Frauenarzt, noch so ein obsessiver Student und Sammler. Ein weiterer Track mit dem sich selbst erklärenden Titel “King of Memphis” ist produziert von DJ Squeeky, dem Erfinder des Gangsta-Sounds der Stadt. Die düster-verballerten “Gangster Nikes” (eine Hommage an den Schuh der Schuhe auf den Straßen von Memphis, Nike Cortez in schwarz oder weiß) und “Killer” wiederum wurden produziert von DJ ZIRK, dem Erfinder des trippigen Memphis-Stils, der noch heute in der Musik von A$AP Rocky oder SpaceGhostPurrp nachhallt. Sehr viel mehr lokale Royalty lässt sich auf einem Album kaum versammeln. Auch der Song “Eine Nacht”, der die Geschichte einer verhängnisvollen Nacht erzählt, oder der brachiale Banger “Holunder” weisen klar in Richtung River City.

Für Skinny Finsta selbst waren die Trips an den Mississippi auch Reisen in seine persönliche Vergangenheit. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihn das Gewesene weit mehr fasziniert als die Gegenwart. Der Heidelberger Endzwanziger ist ein junger Spieler mit alter Seele. Er liebt das Analoge, die im Staub eingeschriebenen Geschichten alter Musik- und VHS-Kassetten. “Es geht um Tapes, Mane!” ist ein inzwischen legendärer Ausspruch im Skinny-Sprech, diesem ureigenen Slang zwischen Südstaatenswag, popkulturellen Referenzen und leiser Selbstironie. Finsta sammelt und stellt seit einiger Zeit auch selbst Tapes her, für seine Musik sind sie stets essenzielle Sample-Quellen. Mit bloßer Vergangenheitsverklärung und kleinkarierter Lo-Fi-Huberei aber hat er nichts am Hut. Seine Musik ballert nach allen Standards moderner (T)Rap-Musik. Wer einmal mit Stücken wie dem Untergrund-Klassiker “Teich” oder der neue Lead-Single “Opel Astra Finsta” eine Autoanlage getestet hat, kennt (um es mit Skinnys eigenen Worten zu sagen) die Uhrzeit. Und die lautet ganz klar Hier und Jetzt O’Clock.

“Ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen und hatte da eine extrem glückliche Kindheit”, erinnert sich Skinny Finsta, angesprochen auf seine Liebe zur Vergangenheit. “Ich war umgehen mit all diesen Dingen aus den achtziger und neunziger Jahren. Die Erinnerung daran leuchtet noch heute in mir, auch wenn ich gerade vor dunklen Momenten stehe. Vor allem aber geht es darum, aus der Vergangenheit etwas Neues zu machen. Es muss immer weitergehen. Das ist das Wichtigste.” Aktuell bedeutet das vor allem eine neue Dunkelheit in Skinny Finstas Musik. In “Spielerdämmerung” spiegeln sich die düsteren Anfänge des Memphis Rap ebenso wie eine persönliche Dunkelheit und die generelle Finsternis, die unsere Zeit umgibt. Es ist mehr ein Gefühl denn ein eindeutiges Narrativ. Aber für den selbsterklärten “fühlenden Spieler” stand das immer schon über allem. Es geht es um Emotionen, Mane – im echten Leben wie bei echter Musik. Skinny Finsta hat zum Glück von beidem eine ganze Menge verstanden.

- Davide Bortot